• Kategorie: Pu'erh, Sheng
  • Herkunft: China, Yunnan, Xishuangbanna, Mengla, Yiwu
  • Jahrgang: 2020
  • Form: Bingcha, 200g (nur Sample vorhanden)
  • white2tea

(Original 24.10.2020)
Bevor ich zu dem Tee komme zunächst ein großes Dankeschön an Paul Murray von white2tea: nachdem ein Teefreund kürzlich eine Unterhaltung bezüglich meiner letzten Bestellung von 2016 initiiert hat, bei der der 2016er Last Thoughts und der 2016er Bosch leider etwas feucht wurde und daher zu Beginne eine gewisse muffige Note hatte (inzwischen aber zum Glück verflogen!) hatte Paul mir als Wiedergutmachung ein paar Samples zukommen lassen (auch wenn das eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre - ist ja nicht seine Schuld gewesen, dass es Probleme mit dem Versand gab!). Davon abgesehen haben wir uns auch über seine Vorgehen unterhalten, explizit keine Ortsangaben zu nennen und ein Punkt leuchtet mir durchaus ein und regt auch zum Nachdenken an: macht man als Verkäufer/Produzent genaue Angaben, muss man dafür letztlich gerade stehen, dass es sich auch tatsächlich um Tee von der genannten Herkunft handelt. Prominentes Beispiel wäre z.B. Laobanzhang - da die Nachfrage sehr hoch ist, treibt das nicht nur den Preis in die Höhe sondern da der Mensch an sich doch im allgemeinen recht "einfallsreich" ist, wird gerne auch mal Tee aus angrenzenden Regionen beigemischt und als LBZ verkauft, z.B. Tee aus Bakanan. Der Tee muss nicht schlecht sein - im Gegenteil, wenn ich da an den 2019er Bakanan von prSK denke ist das sogar ein mords Tee, aber Peter ist auch ehrlich genug und verkauft ihn als solchen und kann folglich aber auch nur einen Bruchteil von einem LBZ Gushu verlangen - der findige Teebauer, der den Tee LBZ beimischt kann hingegen einen ordentlichen Profit machen. Wenn man nun als Produzent nicht selbst direkt die Ernte macht, muss man sich eben auf das Wort des Teebauern verlassen, dass es sich auch um das handelt was man möchte - denn ganz ehrlich: wenn etwas Bakanan einem LBZ beigemischt ist, merkt das niemand. Aber das Problem bleibt: es ist nicht das, was angepriesen wird - und kann/möchte der Produzent nun dafür seine Hand ins Feuer legen und den Tee als reinen LBZ verkaufen? Hmm ... schwierig - stellt sich die Frage, wie andere Händler/Produzenten mit dem Problem umgehen. Von Yu gibt es ja die Geschichte, dass er mit dicken Geldbündeln und einem Erntehelfer im Schlepptau so lange im Dorf des Begehrens rumlungert, bis er ran darf (an die Teebäume) - aber macht er das mit jedem Tee so? Sicherlich nicht, auch sein Tag hat nur 24h. Und was ist mit langjährigen Kontakten/Freundschaften in China, wie sie z.B. Peter pflegt? Auch wenn Menschen mit Selbstachtung/Ehrgefühl Freunde nicht bescheißen und somit eine gewisse Sicherheit bringt, verlagert das ja nur das Problem - ist der Kontakt in China bei der Ernte dabei? Falls nicht, wie sieht sein Verhältnis zu den Teebauern vor Ort aus etc. - und wir alle wissen, was die Menschen nicht alles für Geld tun - schließlich verkaufen wir uns (fast) alle tagtäglich für den Großteil des Tages, während wir in der Zeit auch einen guten Tee trinken könnten. Das zeigt einmal mehr: Tee ist Vertrauenssache. Und die Menschen hinter dem Tee kennen zu lernen, Bilder von den Pflanzen vor Ort zu sehen, von den Teebauern (insbesondere wenn diese aussehen wie ein Samurai) und Geschichten zur Umgebung des Tees zu hören (z.B. dass auf eine sauberes Umfeld geachtet wird, keine in einem Beton-Grab dahinsiechenden Uralt-Gushu-Bäume) trägt zumindest für mich stark dazu bei, das Vertrauen zu stärken - und ganz ehrlich: Wenn der Tee gut ist, ist es mir eigentlich auch egal, ob es 100% LBZ ist oder nur 80% (um bei dem Beispiel von oben zu bleiben) - eine Benennung der Region macht es für mich bei der Auswahl zwar einfacher (z.B. ist eine Bulang-Bitterkeit eine andere als eine Mengsong-Bitterkeit), aber vielleicht ist das auf Grund der erörterten Problematik künftig keine zwingend Notwendige Angabe mehr, mal sehen. Auf jeden Fall ein großes Dankeschön an euch Teeproduzenten und Händler da draußen, die euch mit solchen Problemen (und noch ganz anderen wie z.B. der Import des Tees!) herumschlagen müsst - ohne euch würde etwas wichtiges in meinem Leben (und die daraus resultierenden Tee-Freundschaften) fehlen, danke!

Nun aber genug des Meta-Gelabers und zum eigentlichen Tee: bei dem Unicorn handelt es sich nicht um einen Blend aus mehreren Regionen sondern um einen reinen Yiwu - wobei das natürlich trotzdem ein Blend verschiedener Yiwu-Regionen wie Guafengzhai, Mahei, Wangong etc. sein kann. Was bei dem Tee als erstes auffällt ist die extrem dunkle Farbe des trockenen Blatts: fast schwarz mit einem stark bläulichen Farbton, sogar noch dunkler als die ebenfalls bereits sehr dunklen Blätter des 2020er Walong Guoyoulin oder des 2020er Wan Gong Guoyoulin von Tea Encounter - und dazu ein herrlich intensiver Duft, ebenfalls dunkel und tief wie in einem schattigen Waldstück im Frühsommer, wenn alles in vollem Saft steht und der immer heißer und trockener werdende Sommer noch nicht seinen Tribut gefordert hat. Paul beschreibt den Charakter des Tees auch sehr treffend: "The reasons this tea is phenomenal are not "slap in the face obvious", but it is unbelievably comforting to drink." Dem kann ich voll und ganz zustimmen - er erinnert mich stark an den unerreichten 2019er Rareness 5 von Peter wenn auch etwas dezenter im Qi und dunkler in der Anmutung und ohne die einzigartige Birnen-Note, weshalb auch Erinnerungen an den ebenfalls sehr tollen 2017er Yiwu Guoyoulin von EoT wach werden, als dieser noch frisch war. Auch wenn de Tee auf der Geschmacksebene eher dezent ist, fühlt es sich auch hier doch sehr tief und irgendwie dunkel an - anhand der Aufgussfarbe hätte ich auch nicht unbedingt auf einen Tee von diesem Jahr getippt. Wie die beiden genannten Vergleiche ist auch das ein Tee der sehr weich, geschmeidig und entspannend ist - und trotzdem spürt man die Kraft im Hintergrund, die er aber anders als manche schillernde und laute Artgenossen gar nicht zur Schau stellen muss, die bloße Anwesenheit reicht aus dass alles geklärt ist, ohne ein Wort, ohne bunte Farben und große Gesten. Mehr als das braucht es nicht.
Bewertung: 6-Sterne

(Update 24.12.2021)
Welcher Tee passt besser zu einem besinnlichen Tag wie heute, als einer der schönsten Tees des letzten Jahres (nicht von diesem (und dazu würde ich auch die 2020er Shengs von prSK zählen, da diese ja erst in diesem Jahr auf den Markt gekommen sind) - kaum zu glauben, dass dieses auch schon wieder so gut wie vorbei ist - zumal hinter diesem ein netter Austausch mit Paul Murray steckt, der dazu angeregt hat, das Thema Authentizität weiter zu hinterfragen (siehe ursprüngliche Notiz zum Tee) und ein gewisses Verständnis für seine Nicht-Info-Blends geschaffen hat: der 2020 Unicorn. Im Grunde ist den Beobachtungen von letztem Jahr kaum etwas hinzuzufügen: der Tee ist ein Inbegriff für subtile Kraft und Tiefe in einem Sheng und das Maximum an dem, was man mit einem regionsinternen Blend erreichen kann. Zwar bin ich trotz der angesprochenen Problematik (die man nur durch sehr gute und enge Freundschaften vor Ort mitigieren kann) nach wie vor ein Fan von Single Origin Shengs (oder falls möglich Danzhu), da ich diese einfach spannender finde - der Charakter ist einzigartiger und es kommen Facetten zum Vorschein, die in einem Blend verloren gehen - aber das Einhorn zeigt sehr gut, dass ein regionsinterner Blend durchaus auch Vorteile haben kann: der Tee hat eine der schönsten und vollsten Texturen, die mir bei einem Yiwu bisher untergekommen ist, alle Aspekte des Aufgusses harmonieren miteinander und haben ein gemeinsames Ziel - gerade letzteres ist für mich der Punkt, gegen den kein regionsübergreifender Blend ankommt (zumindest in jungen Jahren - wenn sich das Material nach ein, zwei Jahrzehnten etwas homogenisiert hat, ist es evtl. nochmals etwas anderes). Definitiv der beste Tee von W2T (überhaupt) und witzig, dass einer der schönsten Yiwus von diesem Händler stammt, da ich ja sonst mit den meisten Tees nicht viel anfangen kann - schade dass es nicht mehr in die Richtung von Paul gibt aber klar, den Hauptumsatz macht man nicht mit solchen Tees für fortgeschrittene Teenerds sondern mit bunter, zugänglicher Massenware, die am besten noch den Schnäppchen-Reflex auslösen.
Noch ein paar Beobachtungen aus gegebenen Anlass: der Tee hat wie manche aus den letzten beiden Jahrgängen, die mir gut gefallen ein sehr dunkles Blattgut (auch wenn die Krone hier ganz klar dem Rareness 6 gebührt - schwärzer als schwarz geht nicht) und wie die 2020er Shengs von prSK eine eher feste Pressung (zum Glück aber bei weitem nicht so extrem wie beim Rareness 6) - ob das Zufall ist? Werde ich auf jeden Fall weiter beobachten...

2020 Unicorn (W2T) trockenes Blatt

2020 Unicorn (W2T) erster Aufguss

2020 Unicorn (W2T) zweiter Aufguss

2020 Unicorn (W2T) dritter Aufguss

2020 Unicorn (W2T) späterer Aufguss

2020 Unicorn (W2T) deutlich späterer Aufguss

2020 Unicorn (W2T) viel späterer Aufguss (und der Tee ist noch lange nicht am Ende!)

2020 Unicorn (W2T) Details

2020 Unicorn (W2T) Update (24.12.2021): inzwischen auch mit ganzem Bing, der seit einem Jahr im Tontopf ruht

2020 Unicorn (W2T) Details trockenes Blatt

2020 Unicorn (W2T) erster Aufguss

2020 Unicorn (W2T) zweiter Aufguss

2020 Unicorn (W2T) dritter Aufguss

2020 Unicorn (W2T) späterer Aufguss

2020 Unicorn (W2T) deutlich späterer Aufguss

2020 Unicorn (W2T) viel späterer Aufguss

2020 Unicorn (W2T) noch späterer Aufguss

2020 Unicorn (W2T) und der Tee geht immer noch - das nenn ich Ausdauer!

2020 Unicorn (W2T) Details nasses Blatt

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