• Kategorie: Pu'erh, Sheng
  • Herkunft: China, Yunnan
  • Jahrgang: 2020
  • Form: Bingcha, 250g
  • poetischer Name: KongShanYaYun 空山雅韵
  • Pu-erh.sk

Nach sehr langer Zeit und vielen Unweglichkeiten sind die 2020er Tees nun endlich bei Peter eingetroffen und verfügbar, mit dabei auch in diesem Jahrgang ein Rareness-Tee, der den poetischer Name KongShanYaYun (空山雅韵) trägt - übersetzt wohl etwas in Richtung "sophisticated taste of the vacant mountain". Der Name ist ein Hinweis darauf, von was für Teebäumen das Blatt stammt: es handelt sich um die hochgewachsenen Gaogan (高杆) Bäume, die nur ganz oben in 20-30m Höhe Blätter haben wie auf einem Foto von Peter gut zu sehen:
2020 Rareness 6 (prSK)-7
Das hat man in den letzten Jahren ja immer wieder mal bei verschiedenen Produzenten gesehen, was ich aber extrem interessant finde, ist dass das Blatt komplett schwarz ist (siehe Bilder vom Bing). Und damit meine ich nicht nur "sehr dunkel" wie kürzlich z.B. bei dem 2020er Yiwu Old Tree oder dem 2020er Walong von TTpl angesprochen - selbst dunkler als bei dem 2020er Unicorn von W2T - man könnte schon fast meinen, dass ein ein Hongcha sein könnte! Die Frage ist nun: woran genau liegt diese extreme Färbung? Dass es sich um Gaogan-Material handelt kann eigentlich nicht der Grund sein, da z.B. beim 2021er Youle Gaogan von EoT das Blatt "normal hell" gefärbt ist und um Yesheng (wo das Blatt ja oft auch gegenüber Sheng dunkler ist) handelt es sich bei dem Tee definitv nicht, genau so wenig wie um Purple-Material (weder die natürlich auftretende Variante und schon gar nicht die künstliche Züchtung) wenn man sich die Bilder der Bäume anschaut. Eine gewollte oder zufällige Oxidation des Maochas wie bei einem Hongcha vor der Pressung (denn wie man bei dem kleinen Brocken aus der Bing-Mitte sieht, ist das Material überall schwarz, d.h. es ist nicht nur etwas äußerliches) dürfte es dem Geschmack nach (dazu später mehr) auch eher nicht sein und rein durch die Verarbeitung (wie bei den TTpl-Shengs) erscheint mir etwas krass - ich kann daher nur vermuten, dass es sich um das Zusammenspiel von mehreren Faktoren handelt: einerseits, dass es sich (wie Peters Freund vor Ort, der den Tee gesourct hat, schreibt) um Bäume handelt, die schon sehr lange nicht mehr gepflückt wurden, und andererseits, dass der Tee bewusst nicht-grün verarbeitet wurde, dessen dunkleres Erscheinungsbild durch die extreme Pressung (und damit austretendem und oxidierenden Saft) noch verstärkt wurde. Soweit das Rätselraten, ganz eindeutig ist jedenfalls die extrem feste Pressung - wer den 2018er Guafengzhai Autumn Brick von EoT kennt, weiß von welchem Härtegrad ich spreche: der Versuch den kleinen Brocken (den mir Peter auf Grund meiner Bedenken zur Pressung freundlicherweise beigelegt hat, damit ich mir von der Bing-Mitte ein Bild machen kann, siehe Detailbild) mit meinen üblichen "Werkzeugen" zu lösen ist (wie eigentlich vorherzusehen war) blutig geendet und so habe ich hierfür doch zur Zange gegriffen - um aber ein ordentliches Bild vom Tee zu bekommen (nur die Bing-Mitte ist nicht repräsentativ), habe ich aber auch etwas "loses" Blatt von der Bing-Seite mit dazu genommen.
Was bei dem Tee als erstes Auffällt ist der Geruch vom trockenen Blatt bzw. vom Bing: er riecht wie ein Urinal mit einem dieser süßlich riechenden WC-Steine - für "ungeübte" Nasen sicher alles andere als einladend, für mich war aber schon hier klar, dass mir der Tee gefallen wird, denn es ist genau dieses urin-artige Aroma, das ich oft etwas Leser-freundlicher als "Stallaroma" bezeichne und bei vielen guten Shengs im leeren Schälchen zurück bleibt ... aber dass ein ganzer Bing danach riecht hatte ich noch nie, verrückt! Und was das Aroma verspricht setzt sich beim Aufguss fort: eine sehr derbe, süßliche Dschungel-Note mit viel Tiefe und intensive Bitterkeit bilden die Grundpfeiler der Geschmacksebene, ergänzt durch verschiedene eher subtile Facetten, die von Moos über Salz bis hin zu einen floralen Bouquet reichen - und selbst der Huigan hat die derbe Stallnote (ich schreibe an der Stelle besser nichts von Urin). Es ist sehr viel Dunkelheit und Tiefe in dem Tee - daher hätte ich beim Qi intuitiv eher etwas "runterdrückendes" oder Stoner-mäßiges erwartet aber weit gefehlt: bereits nach dem ersten Schluck fließt es durch die Augen nach oben und sammelt sich mit Naka-artiger Präzession an der Schädeldecke und zieht einen regelrecht nach oben! Nicht unangenehm oder penetrant aber sehr kraftvoll - der Kopf wird regelrecht leicht - so eine Art von Qi hatte ich bislang bei noch keinem anderen Tee. Und dieses tiefe, dunkle, derbe macht für mich auch den Charakter des Tees aus: zwar hätte ich ihn vermutlich auch nicht auf nur 1 Jahr geschätzt (der Aufguss ist wie bei den TTpl Shengs auch eher orange, aber mehr orange-braun als orange-rot wie bei einem Hongcha, siehe Detailbild), aber es ist etwas anderes, wie wenn der Tee einfach nur 5, 6 oder 7 Jahre gealtert wäre - er ist einfach durch und durch dunkel. Fun-Fact: nach ein paar Aufgüssen komme ich mir fast vor, als würde ich die Session auf dem Boden neben einer Pissrinne eines braun-gefliesten Herren-WCs in einem etwas schmuddeligen 90er-Restaurants machen, so intensiv ist liegt das Stallaroma in der Luft - nur das nasse Blatt an sich riecht nicht danach, das duftet nach Wald und feuchtem, sauberen Moos. Und ich muss sagen, dass ich selten einen derart ausdauernden Tee hatte: nach 2,5h zeigt der Tee noch so gut wie keine Ermüdungserscheinungen (lediglich die Geschmacksfacetten, die die Derbheit und Bitterkeit begleiten, sind inzwischen bei einer überraschenden floralen Note angekommen und das Qi ist etwas dezenter geworden) - aber ich brauche erstmal eine Pause und muss etwas essen. Es kommt selten vor, dass ich bei einem Tee nicht mithalten kann, aber hier ist es der Fall.
Alles in allem ein wirklich außergewöhnlicher Tee, der mich ziemlich verdutzt zurücklässt - er ist so anders, ohne etwas anderes zu sein wie z.B. die Thailand Shengs - mir gefällt er extrem gut, lediglich die extreme Pressung sagt mir nicht zu und bei so ziemlich jedem anderen Tee wäre das auch etwas, weshalb ich ihn nicht kaufen würde - der Rareness 6 ist aber so gut, dass ich das hier in Kauf nehme. Aber: in so ziemlich jeder Hinsicht kein Tee für Anfänger! Sicher ein Tee bei dem man viel lernen kann wie der 2021er Bai Hua Qing von EoT aber man sollte nicht enttäuscht sein, wenn man nach der Session erstmal mehr Fragen hat als vorher.
Bewertung: 6-Sterne

2020 Rareness 6 (prSK) trockenes Blatt und Bing

2020 Rareness 6 (prSK) Bing und Bruch aus Bing-Mitte

2020 Rareness 6 (prSK) Details trockenes Blatt

2020 Rareness 6 (prSK) erster Aufguss

2020 Rareness 6 (prSK) zweiter Aufguss

2020 Rareness 6 (prSK) dritter Aufguss

2020 Rareness 6 (prSK) späterer Aufguss

2020 Rareness 6 (prSK) deutlich späterer Aufguss

2020 Rareness 6 (prSK) viel späterer Aufguss

2020 Rareness 6 (prSK) noch späterer Aufguss

2020 Rareness 6 (prSK) Details (zweiter) Aufguss

2020 Rareness 6 (prSK) Details nasses Blatt

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