- Kategorie: Pu'erh, Sheng
- Herkunft: China, Yunnan, Xishuangbanna, Mengla, Yibang (Blend)
- Jahrgang: 1980s
- Form: Bingcha, 340g
- Qunjihao (羣記號) (nur Branding, die originale Marke gibt es schon lange nicht mehr) via oolongs_puerh
Ich hatte es beim 2025er Rareness 5 Autumn schon kurz angesprochen: manchmal sind es kleine Zufälle, die Große Auswirkungen haben - wenn der Versand von Deutschland nach England nicht so teuer wäre (so dass es sich nicht lohnt ein Teeschälchen zu versenden) hätte ich Robert (aka oolongs_puerh) vermutlich nicht kennen gelernt und ohne Robert auch niemals diesen Tee hier. Bei dem damals recht spontanen ersten Treffen hatte er einige ältere Tees aus Taiwan mitgebracht, einer davon dieser hier: Qunjihao (羣記號) ist eine legändere Marke der 1920er/1930er (damals noch 群記號 geschrieben) die es inzwischen nicht mehr gibt und von kleinen Manufakturen Tribut-Tees (wie es z.B. auch mit Songpin Hao der Fall ist, siehe den 2005er Songpin Hao oder den sehr schönen 1980er Songpin Hao) produziert wurden (zwischen 1930 und 1980 sind es ja auch immerhin schon 50 Jahre), deren Originale für knapp 67000€ (pro 290g Bing) über den Ladentisch gingen. Das Neifei ist (genau wie bei dem Songpin Hao) nur eine Kopie von des früher verwendeten und liefert daher keine brauchbaren Informationen zu dem konkreten Tee oder dessen tatsächlichen Produzenten (es wird lediglich das übliche Loblied auf Yunnan und seinen Tee und die Weisheit des Marken-Inhabers Zhang Liquan besungen, interessant ist jedoch dass die Tees damals für Guangzhou, Hongkong und Saigon als Verkaufsregionen bestimmt waren). Ist aber auch nicht schlimm: so gibt es abgesehen von dem ziemlich oldschool Wrapper und Neifei schon eine unnötigen Labels und Angaben zu Alter und gehypten Regionen (laut der Quelle von Robert enthält der Blend vermutlich einen größeren Teil Yibang, daher habe ich das als primäre Region angegeben), die bereits zu Konzepten und Erwartungen führen bevor man den ersten Schluck genommen hat, sondern der Tee muss für sich sprechen - so wie es sein soll.
Jedenfalls habe ich den Tee seither schon einige male getrunken und besser kennengelernt was generell empfehlenswert ist bevor man über einen Tee spricht aber gerade Tees dieser Altersklasse sind leider im Westen nicht unbedingt etwas alltägliches: zu viel Fake, zu viel typisches "1990s HK loose leafe Sheng"-Totholz oder einfach nur mieses Zeug, das damals keiner wollte. Ja, auch dieser Tee hat eine etwas feuchtere Phase hinter sich was aber einerseits bei allen Tees dieser Altersklasse (oder älter) der Fall ist, da vor der Pu'erh-Expedition in den 1990ern (siehe Buch "Puer Tea: Ancient Caravans and Urban Chic" von Jinghong Zhang) Pu'erh nicht sonderlich gefragt war und vor allem in Hong Kong gehandelt wurde und andererseits liegt das schon über 20 Jahre zurück (denn Anfang der 2000er wurde dieser Tee von Roberts Quelle gekauft und wurde seither in Taiwan gelagert). Und das ist gut so: wie den Bildern zu entnehmen ist das schon etwas derberes Material - eine ziemlich feste Pressung (da lob ich mir den Pu-Meißel von Libor Mikus), einiges an Geäst, ein eher schmutziges Erscheinungsbild und kleinere Steinchen (letztere habe ich vor dem Aufgießen aussortiert - damals waren die Hygiene-Standards halt noch etwas einfacher aka nicht-existent). Im Gegensatz zu modernen Boutique-Produktionen brauchen solche Tees deutlich mehr Feuchtigkeit, da man hier mehr bzw. eine stärkere Transformation des Materials möchte/benötigt: einen ganz jungen 7542 würde ich nicht mal mit der Beißzange anfassen aber den aus den 80ern den ich kürzlich probiert habe war (trotz katastrophal kleinteiligen Blattgut) ganz ordentlich - einen ganz jungen Boutique-Sheng hingegen trinke ich liebend gerne. Natürlich hat das auch viel mit der Qualität des Ausgangsmaterials aber vor allem auch mit der geänderten Produktionsweise zu tun (siehe z.B. Beschreibung bei den älteren CYH Tees im Vergleich zu den jüngeren CYH Tees wo man schön eine Entwicklung wahrnehmen konnte): früher waren Tees (also Sheng Pu'erh) ausschließlich für die Reifung gedacht und nicht zum jung trinken, weshalb das für viele der alten Garde nach wie vor unverständlich ist, warum die Jugend heutzutage diese ganzen grünen Pus trinken. Auf jeden Fall bin/war ich ja doch sehr Boutique-lastig unterwegs, was lange Zeit im Westen der einzig sinnvolle Weg war, da man zwar hochwertige junge Shengs dank Produzenten wie pu-erh.sk oder Essence of Tea bekommen konnte aber so gut wie keine ordentliche gereiften und selbst bei semi-aged Sheng hat man oft nur eher mittelmäßiges Zeug bekommen wie z.B. der Vergleich des 2009er BJT Big Green Tree mit dem 2011er zeigt. Daher war ich nach frühen Kontakten mit feuchter Lagerung wie bei dem 1990er Hong Kong Style Sheng von W2T zwar erstmal angetan da etwas anderes, aber da eine zu feuchte Lagerung für den immer gleichen, langweiligen Charakter sorgt dann doch recht schnell "übersättigt" und bin erstmal sehr auf Abstand gegangen. Der Tee hatte zwar reichlich Zeit zum Auslüften aber ich musste mich doch erst wieder etwas an mehr Feuchtigkeit herantasten, um diese nicht nur zu tolerieren sondern tatsächlich auch zu schätzen, denn sie ist hier essentieller Bestandteil des Charakters des Tees.
Womit wir endlich beim Tee an sich wären: wie man sieht startet der Tee super dunkel und gerade zu Beginn hat es die Textur in sich. Sie hat einerseits eine ölig-schwere Qualität, welche auch lange nach dem Schlucken noch hängen bleibt als auch eine frisch-leichte Qualität: obwohl der Tee 40+ Jahre alt ist tanzt er regelrecht schwerelos auf der Zunge. Geschmacklich startet der Tee mit feucht-warmen Holz und zeigt in den ersten ein, zwei Aufgüssen noch leichte Spuren von der feuchten Lagerphase - ist der Storage aber erst einmal abgewaschen kommt der ware Geschmack zum Vorschein: die dezente Kampfer-Note wird initial von einer leicht bitteren Derbheit begleitet, die sich aber sehr schnell in eine schwere Lakritz-artigen Süße wandelt und lange nachhallt. Dazu passt auch hervorragend das Qi, das wenig überraschend mein Highlight des Tees ist: super weich und warm, absolut entspannt ohne zu protzen oder laut zu sein - das formt den Charakter des Tees. Es ist bei Leibe kein High-End Tee, kein Super-Gushu, nicht der mit der schwersten Textur, nicht der mit dem stärksten Qi, ist in keiner Metrik perfekt, hat keinen bekannten Namen und ein ungepflegtes Erscheinungsbild - aber es ist ein Tee, der sich gut trinken lässt, dessen entspannter Charakter ansteckend ist und mich "einfach" zufrieden macht, wenn ich nach dem morgendlichen Spaziergang mit Frieda dem Tetsubin lausche, in aller Ruhe den Tee aufgieße und mich über das Privileg freue, guten alten Tee trinken zu dürfen, während sie friedlich gegenüber schläft. Ich brauche keinen Nervenkitzel, kein Entertainment, oder das gefakte Influencer-Leben was man schön auf Instagram präsentieren kann - Zufriedenheit reicht. Ein Tee, der dazu beiträgt bzw. die Weichen dafür stellt ist selten und wertvoll und verdient eine Wertung über die rein objektive/qualitative Betrachtung (die eh eine Illusion ist, wie ich schon oft erwähnt habe) hinaus!
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