• Kategorie: Pu'erh, Sheng
  • Herkunft: China, Yunnan, Xishuangbanna, Mengla, Manzhuan, Walong
  • Jahrgang: 2022
  • Form: Bingcha, 200g
  • Besonderheit: Sonnentrocknung (Shai Qing)
  • Jinsong Yu (via Shui Tang)

Nach dem sehr leichten Yesheng von gestern gibt es heute das genaue Gegenteil, auch wenn es sich genau so um einen Tee von Yu handelt: den 2022er Walong (瓦竜). Was ich bislang nicht wusste: die meisten Gushu Bäume in Walong wachsen in einem abgelegenen Staatswald (Guoyoulin), der auch überwacht wird, und der Philosophie von Yu nach zu urteilen dürfte es sich bei diesem Tee um genau dieses Gushu Material handeln. Bei Walong handelt es sich übrigens um ein Dorf der Dai und gerade im Vergleich zum DXS interessant ist, dass die Bäume hier auf 565 bis 1540 Metern über dem Meeresspiegel wachsen. Auch finde ich es immer schön etwas Hintergrundwissen zu den Dörfern/Regionen zu haben - neben Ethnien und Historie gehören da auch Legenden dazu, weshalb ich nochmals jedem Interessierten das Buch von Meng-Lin empfehlen kann, da es sich genau auf so etwas fokussiert (diese finden sich auch in der Beschreibung des Walongs im Shop):

Um die Region Manzhuan ranken sich zwei Legenden. Es wird erzählt, dass Zhu Geliang, ein General aus dem 2. Jahrhundert, einen Ziegel im Boden von Manzhuan vergrub. Daraus entstand der Name Man (Begraben) Zhuan (Backstein).
Die andere Geschichte ist weitaus ereignisreicher. Sie handelt von einer jungen Frau, von einer Schlange und von Teebäumen. Es war einmal eine junge Frau namens Xiao-Man. Als sie auf einem Waldweg spazieren ging, begegnete sie einer Schlange. Die fette Schlange hatte viele kleine Füße und sah furchterregend aus. Sie bedrohte Xiao-Man. Die Frau hob einen backsteinartigen Stein hoch und wollte damit die Schlange töten. Die Schlange war schneller, und frass die junge Frau mitsamt dem Stein. Xiao-Man wanderte im Blut der Schlange bis zu ihrem Herzen und schlitzte es mit dem Stein auf. Die Schlange starb und in ihr auch Xiao-Man. Das Glück wollte es, dass Xiao-Man sich in einen Teebaum verwandelte. Sie schwor, fortan dem Schutz des Dorfes zu dienen! Seitdem wird der Teebaum Manzhuan genannt. Viele junge Bäume entstanden, bald wuchsen überall an den Abhängen die Sprösslinge des Manzhuan, wodurch die Region zu ihrem Namen kam.

Aber nun zum Tee: der ist ein Musterbeispiel für einen schönen Walong und hat somit einen ganz klaren Fokus - Süße. Und zwar keine dünne, oberflächliche Jingmai-Süße sondern schwer und wild, mit einem herb-bitteren Anteil der fast genau so groß wie der süße Anteil ist und von tiefen, mineralischen Noten begleitet wird. Diese ursprüngliche Süße, die nichts mit der modernen Süße von industrieller Ware zu tun hat, die durch raffinierten Zucker erreicht wird, wird bei Yiwu Tees auch als Shanye Yun (山野云) bezeichnet, was so viel wie "der Geschmack des wilden Berges" bedeutet - das trifft hier meiner Meinung nach voll zu und sagt genau das aus, was ich versuche zu umschreiben. Shanye Yun geht aber über die reine Geschmacksebene hinaus - ohne Qi, Tiefe, Aroma und Textur wäre es zu eindimensional und selbst mit einem "perfekten" Geschmack könnte ein Sheng so maximal 4 von 6 Sternen erreichen - aber in all den Punkten weiß der Tee von Yu hier zu glänzen, daher hat er sich die volle Punktzahl verdient!
Interessant ist nun auch einerseits der Vergleich zum Vorgänger von Yu als auch zum gleichaltrigen Walong von TE: der 2021er ist etwas weniger herb und wild als der 2022er, bietet dafür aber eine schöne Pfirsich-Note - dennoch gefällt mir der 2022er etwas besser, da er wie erwähnt der Inbegriff von Shanye Yun und somit von Walong ist. Tiagos Walong hat einen völlig anderen Charakter: leicht und ätherisch könnte man fast meinen, dass der Tee aus einer ganz anderen Region stammt - hier sieht man sehr schön, wie unterschiedlich sich die Handschrift der Produktion auf den Tee auswirken können (mögliche Unterschiede im Ausgangsmaterial klammern wir hier einfach mal aus, da beide den Anspruch erheben Gushu-Material zu verwenden). Oder um es mit einem Bild auszudrücken: mit dem TE Walong steht man am lichten Waldrand, man kann die helle Sonne genießen, in der Ferne hört man aber noch das ständige Dröhnen der asozialen Motorrad-Raser - mit dem Yu Walong ist man so tief in den Wald vorgedrungen, dass man von der Zivilisation außerhalb nichts mehr mitbekommt.
Bewertung: 6-Sterne

2022 Walong (Yu) trockenes Blatt und Bing

2022 Walong (Yu) Details trockenes Blatt

2022 Walong (Yu) die großen Blätter passen gar nicht ins Kännchen - erst nach etwas Einweichen geht der Deckel zu

2022 Walong (Yu) erster Aufguss

2022 Walong (Yu) zweiter Aufguss

2022 Walong (Yu) Details Aufguss

2022 Walong (Yu) dritter Aufguss

2022 Walong (Yu) späterer Aufguss

2022 Walong (Yu) auch nach einigen Aufgüssen hat der Tee noch eine sehr schöne Farbe

2022 Walong (Yu) deutlich späterer Aufguss

2022 Walong (Yu) viel späterer Aufguss

2022 Walong (Yu) Details nasses Blatt

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